Gedanken und Geschichten aus dem Hospiz
Ein Schneewalzer
Eine Mama sitzt neben ihrer Tochter, die in den in letzten Tagen immer schwächer wurde, kaum geredet hat und regungslos im Bett liegt. Die Mutter sieht mein Akkordeon: “Oh, meine Tochter spielte auch Akkordeon. Den Schneewalzer liebte sie besonders.“ Ich: „Was für ein Glück. Ich spiele nur selten Tanzmusik, aber den Schneewalzer habe ich im Gepäck.“ Als die ersten Töne fallen, hebt die Tochter ihre Hände und beginnt, ihre Finger zu bewegen, so, als ob sie mit mir gemeinsam den Schneewalzer spiele, womöglich ein letztes Mal in ihrem Leben. Der Mama kullern die Tränen herunter:“ Wissen Sie, meine Tochter hat sich in den letzten Tagen kaum bewegt, aber das kann sie noch, wie wundervoll. Vielen Dank!“
Spaziergang durch den Garten
Ein Mann sitzt zusammengekauert im Zimmer. Seine Hautfarbe errät, dass er am Abschiednehmen ist. Neben ihm sitzt seine Tochter. Der Mann: „Der Frühling erinnert mich an den Pflaumenbaum, der bei mir zu Hause im Garten stand. Er blüht jetzt.“ Ich frage: „Gab es auch Tulpen?“ Der Mann: „Ja, im Frühling“. Ich: „Und Bienen?“ Der Mann: „Ja, es war ein emsiges Sumsen.“ Ich: „Wenn sie Lust haben, spiele ich ein Lied, und Sie spazieren derweil durch Ihren Garten. Ist das in Ordnung?“ Der Mann: „Ja, gerne.“ Ich: „Was Langsames, was Flottes? Der Mann: „Was Schönes, Langsames.“ Ich spiele einen französischen Walzer. Der Mann hat die Augen geschlossen. Die Tochter hat Tränen in den Augen und hält die Hand ihres Papas.
Kurze Zeit später treffen wir die Tochter im Flur. Sie bedankt sich für unseren Besuch und für den berührenden Spaziergang im Garten, der ihren Vater an das schöne zu Hause erinnert hat.
Was braucht es im Bergbau?
Ein Herr liegt im Bett. Er ist sich anfangs nicht sicher, ob er die Kraft für zwei vitale Clowninnen hat. Doch dann fixiert er mein Hemd. Es sieht einem Bergbauhemd ähnlich. Der Mann hat viele Jahre im Bergbau gearbeitet. Und wir wollen alles wissen, was es im Bergbau braucht. Ein gutes Picknick, keine Platzangst, einen guten Helm. Wir spielen Bergbau. Der Mann bezweifelt schliesslich, ob wir für den Bergbau geeignet sind, wozu er absolut recht hat. Trotzdem gefällt ihm der Besuch. Wir zeichnen ihn mit einer spontan gefertigten Bergbaumedaille aus und lassen ihn stolz und schmunzelnd zurück.
Heiratsantrag
„Bärbel Bär heiratet gerne! Je öfters, desto besser. Ich habe immer alles dabei, was es braucht, um zu heiraten. Eheringe, ein Häubchen und ein Pfarrer, in diesem Falle der Clownspartner.“
Wir besuchen einen Mann, der anfangs nicht genau weiss, wonach ihm ist. Deshalb fragt Bärbel Bär, wie sie das so macht, sie sei auch bereit zu heiraten. Der Bewohner hat nichts dagegen und so wird alles für das anschließende JA-Wort präpariert. Danach nimmt die Clownin beim Frischverheirateten eine leichte Verunsicherung wahr.
Bärbel Bär fragt, ob es noch was Wichtiges zu besprechen gibt. Der Mann bemerkt: “Naja, eigentlich bin ich ja schon verheiratet.“ „Ach, das ist kein Problem, wir können uns auch direkt wieder scheiden lassen. Heutzutage geht das ganz reibungslos,“ beruhigt Bärbel Bär. „Ach ne, wir lassen das so,“ meint der Mann schmunzelnd.
Beim nächsten Besuch ist die Frau des Bewohners da. Nun ist Bärbel Bär etwas verunsichert und versteckt sich hinter ihrem Clownspartner. Die Frau fragt:“ Wo ist denn ihre Clownspartnerin hin?“ Bärbel Bär kommt zum Vorschein und sagt verlegen: “Naja, das ist mir nun schon etwas unangenehm. Beim letzten Besuch habe ich ihren Mann geheiratet. Nun weiß ich gar nicht, wie ich mich verhalten soll.“ Da meint die Frau:“ Ach, wissen Sie. In den letzten Tagen, die mein Mann hat, da gönne ich ihm zwei Frauen!“
